Kommunalwahl in einem Land, in dem auch Tom, die Tomate eine Chance hat

Sie hatten es nicht leicht. Rund 128 Millionen brasilianische Wahlberechtigte wurden für Bürgermeister und Stadtrat zur Urne gebeten. Bei der Entscheidungsfindung halfen inhaltlich bescheidene, dafür ziemlich bunte Flugzettel, demotivierte weil unterbezahlte Fahnenschwinger an Strassenkreuzungen und fahrende Soundsysteme, aus denen Polit-Raps donnerten.

Stadträte mit geringem Werbebudget setzten auf ausgefallene Spitznamen um sich aus der Masse der 350.000 Kandidaten abzuheben. Wer seine Stimme abgeben musste (in Brasilien ist dies gesetzlich vorgeschrieben), hatte die Qual der Wahl zwischen sieben Barrack Obamas, einigen Bin Ladens (John Bin Laden, Chico Bin Laden), Dj Saddam, Bill Clinton und Jorge Bushi. In Rio traten Santa Claus gegen Tarzan an, in einer anderen Stadt konnte man dem Bruderpaar Engels & Marx sein Kreuzchen schenken. Nicht zu toppen? Doch! “Tom, die Tomate” (Tomas, O Tomate) aus São Paulo und “Schlapfen-Hans” (João Chinelo) haben ebenso eine realistische Chance gewählt zu werden, wie ein Jemand namens “Hund” (Cachorro) und ein Anderer der offenbar auf den Spitznamen “trockener Körper” (Corpo Seco) hört.

Bei den Bürgermeisteroptionen sah es nicht gerade erbauender aus. Laut der Organisation “Congresso em Foco” sind gut die Hälfte der 178 Anwärter zum aktuellen Zeitpunkt in Gerichtsverfahren, großteils wegen Amtsmissbrauch oder Korruption, verwickelt (kompletter Artikel in pt). Wahlbetrug gab es in den letzten Jahren in jeglicher Ausformung - besonders üblich war bis vor kurzem, dass zu Kandidaten in Abhängigkeit stehende Wahlberechtigte zu ihrer Stimme gezwungen wurden. Ein Grund, warum Fotoapparate und Mobiltelefone (um die selbst abgegebene Stimme abzufotografieren) beim Urnengang seit diesem Jahr verboten sind.

Der Mythos der brasilianischen Rassendemokratie

Der Tag der “Consciencia Negra” (20. November - Tag des schwarzen Bewusstseins) erinnert an einen altbekannten brasilianischen Helden. Zumbi, der 1695 hingerichtete Aufstandsführer des Quilombo (Sklavenflüchtlingssiedlung) Palmares, ist für viele brasilianische Schwarze ein Vorbild, und eines der spärlich gesähten Symbole der schwarzen Antirassismusbewegung in Brasilien.

Die typisch brasilianische Hautfarbe gibt es nicht. In einer Volksbefragung fanden die brasilianischen Bewohner 143 verschiedene Begriffe für die Benennung ihres Farbtypen. Der Mix an unterschiedlichen Brauntönen und -abstufungen hat seinen Ursprung in der sexuellen Beziehung zwischen dem weissen Gutsherren und der schwarzen Sklaventochter und hat sich in den letzten 120 Jahren fortgesetzt und multipliziert. Ein Ergebnis Jahrhunderte langer Vermischung von Europäern, Afrikanern und Indianern. Viele Brasilianer sind deshalb der Meinung, egal mit welcher der 143 Hautfarben, dass Rassismus im Land mit der zweitgrössten dunkelhäutigen Bevölkerung (nach Nigeria) nicht existiert. Ein Irrglaube, von soziologischer Literatur wie zum Beispiel Gilberto Freyre untermauert, der leicht zu enttarnen und mittlerweile durch zahlreiche Statistiken widerlegt ist. Die brasilianische Rassendiskriminierung hat eine eigene Form ausgebildet - den sogenannten “höflichen Rassismus”. Man grüsst den dunkelhäuten Busfahrer lächelnd und versteht sich gut, jedoch bevorzugt man für seine Blinddarmoperation einen hellhäutigen Arzt.

Schwarze machen fast die Hälfte der brasilianischen Bevölkerung aus, an meiner Universität sucht man jedoch vergebens nach dunkelhäutigen Mitstudenten. Staatliche Universitäten sind beliebt und kostenlos, die Aufnahmsprüfung ist jedoch oft nur für Schüler aus teuer bezahlten Eliteschulen zu bewältigen. Auch in den politischen Schlüsselpositionen ist die schwarze Bevölkerung eher spärlich repräsentiert. Schwarze besetzen Vorzeige-Ministerpositionen wie Kultur und Sport, jedoch wäre für viele ein dunkelhäutiger Aussen- oder Wirtschaftsminister undenkbar.

Eine kürzlich in der Folha de São Paulo veröffentlichte Statistik des Seade und Dieese Instituts zeigt, dass Schwarze im Durchschnitt mit ihrem Stundenlohn immer noch deutlich unter dem Einkommensdurchschnitt eines Weissen liegen. Erschreckend dabei, dass sich der Unterschied bei höherer Schulbildung vergrössert. Ein hellhäutiger Brasilianer mit Universitätsabschluss verdient im Durchschnitt pro Stunde 19,49 Reais, ein andersfarbiger Mitbewerber mit der selben Ausbildung nur 13,86 Reais. Offensichtliche Diskriminierung am Arbeitsplatz ist zwar durch ein kürzlich verabschiedetes Anti-Rassismus Gesetz verboten, bei vielen Jobausschreibungen ist jedoch immer noch ein “angenehmes Äusseres”, das in diesem Fall für eine so helle Hautfarbe wie möglich steht, erwünscht.

Das sehr zu empfehlende Buch “A Cabeça do Brasileiro” (”Der Kopf des Brasilaners”) von Alberto Carlos Almeida veröffentlicht Umfrageergebnisse der staatlichen Universität Fluminense. Anhand von 8 gleichaussehenden Passfotos von Männern unterschiedlicher Hautfarbe und -tönung beantworten Brasilianer verschiedenste Fragen. Das Ergebnis zeigt, dass man dem hellhäutigsten Gesicht am ehesten den Anwalts- oder Professorenjob, mehr Intelligenz und Ausbildung zutraut, dem dunkelhäutigsten Kandidaten wurden mit grösster Häufigkeit die Berufe Schuhputzer oder Abfallsammler, Armut und “Malandragem” (Gaunereien) zugeschrieben. Interessanterweise wurde der Abbildung mit dem weissesten Kopf eine grössere Aufgeschlossenheit zur Korruption, dem typische brasilianischen Phänomen “Jeitinho“, zugeordnet.

Kaufempfehlung des Tages: süsse Popcorn - “Explosion der Liebe”

Die Ferien sind vorbei!

Wer gestern auch nur einen flüchtigen Fuß vor die Türe gesetzt hat, konnte sich der für die meisten Brasilianer schon lange absehbaren Neuigkeit nur schwer enziehen. Tausende an Autos angebrachte Fahnen, stolz herumspazierende T-shirts und strahlende Gesichter haben gesprochen: Corinthians, das Team des Volkes und meines Herzens, das vor 328 Tagen natürlich unverdienterweise - unter Tränen - in die zweite Liga abgestiegen ist, ist gestern - unter noch mehr Tränen - in der Série A zurückgekehrt.

Um es mit den Worten von Onkel Fiel zu sagen: “Corinthianische Apostel ganz Brasiliens, die Ferien sind vorbei!”

Show de Bola!

(= alles Grossartige, Wunderbare und Phänomenale dieser Welt)

Anbei ein kleines Anwendungsbeispiel für Anfänger aus dem Förderunterricht brasilianisches Portugiesisch vs. brasilianisches Fussball-Portugiesisch:

Wer in Brasilien am Arbeitsplatz den “Ball am Spielfeld rumeiern lässt” (A bola fica pingando na área), sprich eine wirklich wichtige Sache, zum Beispiel ein Projekt das sich gerade “an der Elfmeter-Markierung” (Na marca do pênalti) bereit zum Abschuss befindet, zu lange anstehen lässt, braucht sich nicht wundern “zu den Duschen” geschickt (Ir pro chuveiro), sprich gekündigt, zu werden. Aber auch verständlich - schliesslich hat nicht jeder das Zeug dazu “den Eckstoss zu machen, danach aufs Spielfeld zu rennen um den eigenen Ball zu köpfeln” (Cobrar o escanteio e correr na área pra cabeçear), was soviel heisst der geborene Alleskönner zu sein. Vielleicht fehlts manchmal auch einfach am gut gemeinten Hinweis: “Raus! Das ist deiner, Taffarel!” (Sai que é sua Taffarel! - Taffarel steht übrigens für einen brasilianischen Ex-Tormann), sprich “Beweg deinen Arsch, Freundchen!”. Soweit alles klar, oder?

Bei einer geglückten Mission hat man, wie der soeben ins Tor getroffene Fussballspieler, lediglich noch eins zu tun, nämlich “zur Umarmung zu laufen” (só correr para o abraço) um sich seine Lorbeeren abzuholen. Welch süsses Leben! Ein fast geglücktes Ereignis war halt bloss “ein Stangentreffer” (Bater na trave) - macht nichts, beim nächsten Mal wirds besser, inzwischen wartet man “auf der Ersatzbank” (Deixar no banco) und ist somit optimistisch gesinnt Teil eines Plan B. Wer “auf den Ball steigt” (Pisar na bola) hat offensichtlich etwas falsch gemacht, wer jedoch das geliebte “Leiberl trägt” (Vestir a camisa) steht aufrichtig und mit ganzer Treue zu einer Sache, die er wahrhaftig liebt.

Ruhmreiche Neuigkeiten aus Ösiland

Die brasilianische “Folha de São Paulo” nimmt sich bei der Berichterstattung zur österreichischen Nationalratswahl vom 28. September kein Blatt vor den Mund und liefert mir bequemerweise Niki Lauda und Adolf Hitler eine weitere Referenz mit der die Brasilianer bei zukünftigen Erklärungen, woher ich komme, etwas anfangen können.

Folha de São Paulo, 29.09.2008:

Ultrarechte gewinnen bei österreichischen Wahlen an Stimmen

Die österreichischen Rechtsextremen erscheinen nach den gestern realisierten Nationalratswahlen wieder auf der politischen Bildfläche. Mit quasi einem Drittel aller Stimmen verkomplizieren sie die Situation der Sozialdemokraten, grösste Partei im Land, eine Regierungskoalition zu bilden. Offizielle vorläufige Ergebnisse zeigen, dass die Sozialdemokraten (linke Mitte) 30% der Stimmen bekamen, während die Volkspartei (konservativ) 26% erhielt. Im Jahr 2006 erreichten diese 35% und 34%. Man spricht vom schlechtesten Ergebnis beider Parteien seit dem zweiten Weltkrieg.

Die rechtsextremen Parteien verzeichnen mit einem Programm basierend auf Kampagnen gegen Immigranten und den Islam den grössten Zuwachs. Die freiheitliche Partei erhielt 18% der Stimmen (im Jahr 2006, 11%) und das Bündnis Zukunft Österreich - des historischen Führers der Ultrarechten und derzeitigem Landeshauptmann Kärntens, Jörg Haider - erhielt 11% aller abgegebenen Stimmen und verdreifachte somit sein Ergebnis vor zwei Jahren. [...]

Unterflack mit Knoblauchsauce für reichen Ehemann

Rechtzeitig zum Jahresbeginn nach ausgedehnter Blogpause ist es auch in Brasilien an der Zeit neue Vorsätze zu schmieden und sich Ziele fürs kommende Jahr zu setzen. Glücklicherweise bin ich in einer Busbahnhofstrafik auf »Simpatias« gestossen, Ratgeber in Angelegenheiten der Lebensplanung für Verzweifelte und Übermotivierte. Wer ein Küchenregal endlich an der Wand befestigen will, braucht Bohrmaschine, Dübel, Schrauben und vielleicht 20 Minuten Zeit. Wer jedoch einen reichen Mann zum Heiraten sucht, hat laut Heft Folgendes zu tun:

Am ersten Samstag im Mai vor Mitternacht bereite eine Zwiebel, sieben Knoblauchzehen und zwei rote Paprikaschoten vor. Reibe Zwiebel und Knoblauch und presse die Paprikaschoten. Mische alles gut durch und füge einen Löffel feines Salz und einen Löffel Essig hinzu. Fülle diese Sauce auf einen Teller, bedecke sie mit einem eigenen Unterhöschen und lass diese eine wolkenlose Nacht lang ziehen. Am nächsten Morgen, noch bevor die Sonne aufgeht, nimm die zubereitete Sauce und verteile sie auf dem Grundstück des reichen begehrten Mannes, ohne dass dieser es bemerkt.

Um ganz auf Nummer sicher zu gehen, empfiehlt es sich mit folgender »Simpatia« auch noch mögliche Konkurrenten auszuschalten:

Kaufe an einem Freitag ein Spielkartenset und einen Meter schwarzes Band. Vor sechs Uhr Nachmittag nimm Pik Bube, Dame und König aus dem Stapel und binde sie mit dem schwarzen Band zusammen. Um Mitternacht wirf alle Karten in fliessendes Wasser und bitte die Naturelemente die Person, die deine neue Beziehung bedroht, loszuwerden. Danach kehre nach Hause zurück und zünde zwei Kerzen an: eine für dich selbst und eine für deinen Auserwählten.

Tatsächlich ist der Spiritismus mit rund 4,6 Millionen Anhängern in Kombination mit dem afrikanischen Candomblé eine feste Institution in der brasilianischen Religionslandschaft. Fähigkeiten von Menschen, die als »Medien« Kontakt mit Verstorbenen aufnehmen können, werden sogar bei Kriminalfällen vor Gericht anerkannt und jene können die Aussage eines bereits Ermordeten schriftlich, unter Aufsicht eines Notars, als Beweisstück vorlegen. Klingt komisch, ist aber so.