Der Mythos der brasilianischen Rassendemokratie

Der Tag der “Consciencia Negra” (20. November - Tag des schwarzen Bewusstseins) erinnert an einen altbekannten brasilianischen Helden. Zumbi, der 1695 hingerichtete Aufstandsführer des Quilombo (Sklavenflüchtlingssiedlung) Palmares, ist für viele brasilianische Schwarze ein Vorbild, und eines der spärlich gesähten Symbole der schwarzen Antirassismusbewegung in Brasilien.
Die typisch brasilianische Hautfarbe gibt es nicht. In einer Volksbefragung fanden die brasilianischen Bewohner 143 verschiedene Begriffe für die Benennung ihres Farbtypen. Der Mix an unterschiedlichen Brauntönen und -abstufungen hat seinen Ursprung in der sexuellen Beziehung zwischen dem weissen Gutsherren und der schwarzen Sklaventochter und hat sich in den letzten 120 Jahren fortgesetzt und multipliziert. Ein Ergebnis Jahrhunderte langer Vermischung von Europäern, Afrikanern und Indianern. Viele Brasilianer sind deshalb der Meinung, egal mit welcher der 143 Hautfarben, dass Rassismus im Land mit der zweitgrössten dunkelhäutigen Bevölkerung (nach Nigeria) nicht existiert. Ein Irrglaube, von soziologischer Literatur wie zum Beispiel Gilberto Freyre untermauert, der leicht zu enttarnen und mittlerweile durch zahlreiche Statistiken widerlegt ist. Die brasilianische Rassendiskriminierung hat eine eigene Form ausgebildet - den sogenannten “höflichen Rassismus”. Man grüsst den dunkelhäuten Busfahrer lächelnd und versteht sich gut, jedoch bevorzugt man für seine Blinddarmoperation einen hellhäutigen Arzt.
Schwarze machen fast die Hälfte der brasilianischen Bevölkerung aus, an meiner Universität sucht man jedoch vergebens nach dunkelhäutigen Mitstudenten. Staatliche Universitäten sind beliebt und kostenlos, die Aufnahmsprüfung ist jedoch oft nur für Schüler aus teuer bezahlten Eliteschulen zu bewältigen. Auch in den politischen Schlüsselpositionen ist die schwarze Bevölkerung eher spärlich repräsentiert. Schwarze besetzen Vorzeige-Ministerpositionen wie Kultur und Sport, jedoch wäre für viele ein dunkelhäutiger Aussen- oder Wirtschaftsminister undenkbar.
Eine kürzlich in der Folha de São Paulo veröffentlichte Statistik des Seade und Dieese Instituts zeigt, dass Schwarze im Durchschnitt mit ihrem Stundenlohn immer noch deutlich unter dem Einkommensdurchschnitt eines Weissen liegen. Erschreckend dabei, dass sich der Unterschied bei höherer Schulbildung vergrössert. Ein hellhäutiger Brasilianer mit Universitätsabschluss verdient im Durchschnitt pro Stunde 19,49 Reais, ein andersfarbiger Mitbewerber mit der selben Ausbildung nur 13,86 Reais. Offensichtliche Diskriminierung am Arbeitsplatz ist zwar durch ein kürzlich verabschiedetes Anti-Rassismus Gesetz verboten, bei vielen Jobausschreibungen ist jedoch immer noch ein “angenehmes Äusseres”, das in diesem Fall für eine so helle Hautfarbe wie möglich steht, erwünscht.
Das sehr zu empfehlende Buch “A Cabeça do Brasileiro” (”Der Kopf des Brasilaners”) von Alberto Carlos Almeida veröffentlicht Umfrageergebnisse der staatlichen Universität Fluminense. Anhand von 8 gleichaussehenden Passfotos von Männern unterschiedlicher Hautfarbe und -tönung beantworten Brasilianer verschiedenste Fragen. Das Ergebnis zeigt, dass man dem hellhäutigsten Gesicht am ehesten den Anwalts- oder Professorenjob, mehr Intelligenz und Ausbildung zutraut, dem dunkelhäutigsten Kandidaten wurden mit grösster Häufigkeit die Berufe Schuhputzer oder Abfallsammler, Armut und “Malandragem” (Gaunereien) zugeschrieben. Interessanterweise wurde der Abbildung mit dem weissesten Kopf eine grössere Aufgeschlossenheit zur Korruption, dem typische brasilianischen Phänomen “Jeitinho“, zugeordnet.