Ersatzbank-Loser und andere Ikonen

João Moreira Salles, der brasilianische Dokumentarfilmer zeigt uns in seiner dreiteiligen TV-Doku, dass uns einsame Fußballstars vor Hotelzimmerfernsehern zu Tränen rühren können, erklärt uns, warum ein leidenschaftlicher Tormann frühmorgendliche zärtliche Berührungen mit einem Fußball im ehelichen Bett denen seiner Ehefrau vorziehen sollte und stellt uns Fußballagenten vor, die jungen Talenten die europäischen Sterne vom Himmel zu holen versprechen, um sie dann im Ausland einfach sitzen zu lassen. Hinter romantisch schönen Episoden, die den Zauber dieses Ballspiels ausmachen, wird nicht auf die harte Realität jenes Sports vergessen, der für viele brasilianische Familien den einzigen, fast unmöglichen, Ausweg aus einer chancenlosen Existenz darstellt. So mögen wir das. Eine Dokumentationsreihe, die viel erzählt, dabei nicht oberflächlich bleibt und uns heimlich schwören lässt, nie wieder einen Fußballer auszubuhen.

Garrincha, Estrela Solitária

Die Sängerin und Lebensliebe Elza Soares, der Journalist Sandro Moreyra, der Fußballspieler und Botafogo-Weggefährte Nilton Santos und die Langzeitaffäre Icira erinnern sich noch einmal an das Leben des Ballkünstlers Mané Garrinchas. Der Regisseur Milton Alencar adaptierte diese wendungsreiche und dramatische Biographie, die Hollywood nicht besser schreiben hätte können, für seinen Film und scheiterte kläglichst. Die schmerzhafte Performance des Hauptdarstellers André Gonçalves gibt uns kaum Einblicke in den unergründeten Charakter des »Engels mit den krummen Beinen«, dafür umso mehr Ausblicke auf sein Gesäß in sinnlos sich wiederholenden Sexszenen. Ein Film, der auf ungeschickte Weise zu thematisieren versucht, wie ein Publikumsliebling sensationsgeilen Medien zum Opfer fiel und dabei selbst zum Täter wird.

Linha de Passe

Der brasilianische (und nach Hollywood emigrierte) Regisseur Walter Salles (”Central do Brasil”, “Motorcycle Diaries”) zeichnet mit seinem neuen Film “Linha de Passe” ein zeitgenössisches neorealistisches Portrait des Alltags in den brasilianischen Suburbs und liegt dabei meiner Meinung nach gar nicht so daneben.

Zur Handlung: An der Peripherie der monströsen und rauhen Großstadt São Paulo versucht eine alleinerziehende Mutter (Sandra Corveloni in der Rolle von Cleuza in Cannes als beste Schauspielerin ausgezeichnet) als Reinigungskraft ihre vier Söhne im Teenageralter großzuziehen. Vergleiche mit Viscontis neorealistischem Film “Rocco e i Suoi Fratelli” liegen auf der Hand und sind bestimmt nicht unberechtigt, für jene die den italienischen Klassiker auch gesehen haben. Reginaldo (Kaique Jesus Santos), der Jüngste, ist auf der Suche nach seinem Vater, den er nie kennengelernt hat. Dinho (José Geraldo Rodrigues), mit Aushilfsjob an einer Tankstelle, findet Erfüllung in der Suche nach einer anderen Vaterfigur, Jesus Christus, und ist wie auch über acht Millionen andere Brasilianer regelmässiger Besucher einer Protestantenkirche. Dario (Vinícius de Oliveira) träumt von einer Fussballerkarriere und Dênis (João Baldasserini) arbeitet als Motoboy (Motorradkurier). Ein üblicher Brotjob für arme junge Männer in São Paulo, eine Stadt, die statistisch gesehen kurz vorm Verkehrskollaps steht und in der im Durchschnitt pro Jahr 371 Motorradfahrer im Strassenverkehr tödlich verunglücken.

Eine typische brasilianische Familie der Arbeiterklasse, der unteren Mittelschicht, die gerade noch über die Runden kommt um nicht in der Favela zu wohnen. Man beobachtet fünf Charaktäre auf der Suche nach Erfüllung und Veränderung, umrahmt mit Kameraeinstellungen und einem Soundtrack von roher, trockener Schönheit, so wie São Paulo selbst auch ist.

Was mir gefallen hat: Abseits der in letzter Zeit so populär gewordenen gewaltbeladenen Favelamotive verwendet Salles Geschichten und Charaktäre die stark an eine realistische Darstellung der brasilianischen Großstadtperipherie herankommen (auch wenn er zeitweise ein bisschen in die Klischeekiste greift) und ist somit eine Ausnahmeerscheinung der letzten Jahre - zumindest was das brasilianische Mainstream Kino betrifft. Mit dem Versuch ihre Träume zu realisieren und dabei respektiert zu werden, flirten die Darsteller mehrmals mit der Kriminalität und für den Zuschauer ergeben sich automatisch eine Serie an komplizierten moralischen Fragen, die nicht so einfach zwischen Gut und Böse zu beantworten sind. Wie halt auch im echten Leben. Zanin, Filmkritiker und Fussballkolumnist schreibt: “Der Film konfrontiert uns mit einer Nüchternheit, aber auch mit Emotion: die Charaktäre wollen nicht nur Brot. Sie wollen Brot, Träume, Freude und Respekt. So gesagt hört sich das sehr einfach an. Ist es aber nicht.”

Was mir SEHR gefallen hat: Salles verwendet beeindruckende Bilder des brasilianischen Fussballalltags. Fussball ist wohl eine der schwierigsten zu schauspielernde Sportarten, eigentlich ein Ding der Unmöglichkeit, wenn es das Herz des Zuschauers wirklich schneller schlagen lassen soll. Der Muskel ist nicht so straff wie er sein sollte, der Dribbel unglaubwürdig und der Tormann springt zum Ball und lässt ihn dann erst absichtlich ins Tor. Nicht bei “Linha de Passe”. Szenen der Mutter, die wie die Söhne auf der Suche nach mehr als nur dem Gerade-noch-so-Überleben ist, inmitten der Torcida (brasil. f. “Fanmasse”) des Fussballclubs Corinthians sind echte Gänsehauteinstellungen und wenn ich den Film auf DVD hätte, hätte ich mir die wohl schon 70 mal angesehen.

Abgesehen von den phasenweise auftretenden Schwächen im Dialog und der Tatsache, dass es das Drehbuch meiner Meinung nach nicht wirklich geschafft die fünf ineinander verknüpften Handlungsstränge mit gleicher Stärke und Kreativität auszuarbeiten, hält der Film eine schöne Balance zwischen Pessimismus und Hollywoodkitsch ohne eines der beiden Extreme anzuschneiden. Für Fussball- UND Brasilieninteressierte Pflicht, für eins der beiden recht gut und für komplett Desinteressierte eigentlich auch ganz ok.

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