90 Minuten mit Xico Sá

Aus Liebe zur Boshaftigkeit
In der »Mercearia São Pedro« in São Paulo treffen wir auf eine illustre Fußballgesellschaft: Xico Sá, exzentrischer Schriftsteller und Berufs­nörgler mit einer mitreißenden Leidenschaft fürs runde Ding.

Acht Minuten zu spät ist er da und lässt es sich nicht nehmen, zuerst einen dicklichen Mann mit Schürze hinter der Bar herzhaft zu umarmen. Sein zweites Wohnzimmer, die »Mercearia São Pedro«, gehört zu den traditionellen Bars in São Paulo, wie sie für diese Stadt typisch sind. Man kommt, um Bier oder selbst gebrannten Cachaça zu trinken, oder bringt seinen pH-Wert mit einem nächtlichen Imbiss wieder ins Gleichgewicht. Für TV-Höhepunkte wie das Finale von »Big Brother Brasil«, Hochzeitsfolgen in Telenovelas oder jedes beliebige Fußballspiel (österreichische nicht mit eingeschlossen) ist mit zwei günstig platzierten Mattscheiben vorgesorgt. Das Brüderpaar Marcos und Pedro hat das Lokal um einen Second Hand-Buchladen und ein Supermarktregal erweitert, bei dem neben Geschirrspülmittel auch Bodybuilder-Ersatznahrung zu erwerben ist. Wie praktisch.

Von Eigenbrötlern und Fortunas Vorlieben
Anpfiff. Die ersten zwei Minuten erweisen sich als vielversprechend für die Anhänger des »Santástico«. Roni schickt die Wuchtel gleich mal mahnend an die Stange. »Das muss nichts heißen«, versichert uns Xico. Beim letzten Spiel von Santos ging das »kleine Tier« gleich sechs Mal an den Pfosten. »Ein Weltrekord!«, triumphiert er lachend. Neben seinen Büchern schreibt Xico eine Fußballkolumne für die renommierte Tageszeitung »Folha de São Paulo«. Ein wöchentlicher Lobgesang auf Pechvögel, Totgesagte und die hohe Kunst des Ablästerns. In der nächsten Ausgabe möchte er eine Liste der zehn spektakulärsten Demütigungen der brasilianischen Fußballgeschichte zusammenstellen. »Niederlagen à la Shakespeare«, wie er es nennt. Der Kolumnist hegt trotz seiner Leidenschaft für den »Fisch« aus Santos eine liebevolle Zuneigung zu kleinen Außenseiterteams. Zum Beispiel: »Íbis. Ein Team des Nordostens, das sich selbst ›das schlechteste Team der Welt‹ nennt. Bei einer Recherche zu einem Artikel habe ich dort Chico, den Taxifahrer, getroffen. Wenn sein Team gespielt hat, ging er nicht zur Arbeit. Und sie haben eigentlich immer verloren. Das ist doch wahre Liebe, oder? So etwas haben die jungen Fans von heute schon verlernt. Ständig muss gewonnen werden.«

Doch heute will auch Xico nicht verlieren. Er hat sich wenig erwartet, aber doch mehr erhofft. »So können die noch zehn Jahre weiterspielen und es fällt kein Tor«, wirft er beleidigt ein. Ohne spielwendende Ereignisse gehen die Spieler in die Umkleidekabinen und die Halbzeitpause bietet die nötige Ruhe, die Speisekarte zu studieren. Wir einigen uns demokratisch auf »Carne de Sol« als Begleitung zum nächsten gemeinschaftlichen Bier »Original«. Die 600-ml-Flasche kommt in einem für Brasilien üblichen Thermo-Plastikbehälter, »Camisinha« (deutsch: Kondom), gut gekühlt. Seitdem unser bevorzugtes Getränk in allen brasilianischen Stadien verboten wurde, sind viele Fans in ihre Lieblingsbars umgesiedelt. Für die meisten Fußballanhänger ist es unmöglich, solch emotionale Strapazen ohne den entsprechenden Alkohol durchzustehen. Je dramatischer der Tabellenplatz, desto höher der Alkoholgehalt. Xico, ein überzeugter »bon viveur«, zählt sich selbst nicht zur Ausnahme. Der Journalist erklärt außerdem, dass, wenn ein Team einmal gewonnen hat, während man diesem in der Bar zugesehen hat, viele glauben, der eigenen Mannschaft in dieser Konstellation Glück gebracht zu haben. »Da gibt es tatsächlich Typen, die kommen dann bei jedem Spiel mit derselben Unterhose und demselben T-Shirt in dieselbe Bar, um ihr Team anzufeuern.« Auch wenn uns der Kellner bestätigt, Xico bisweilen bei jedem Santos-Spiel in der »Mercearia« angetroffen zu haben, versichert dieser glaubwürdig, seine Unterhose heute gewechselt zu haben. »Ein Freund von mir hat sich schon mal von seiner Freundin getrennt, weil er dachte, sie bringt dem Team Unglück. Tatsächlich hat seine Mannschaft nach der Trennung wieder gewonnen.«

Der Sieg, dann doch betörend
Gebührend eröffnet der Hobby-Tortenbäcker die zweite Halbzeit mit seinem Lieblingsritual und beginnt von ganzem Herzen zu lästern. »Eigentlich finde ich große Teams sowieso scheiße. Die kleinen Teams werden überhaupt nicht mehr unterstützt. Wo soll denn da noch der Spaß sein?« Ein Wechsel bei Santos bringt Hoffnung auf Veränderung. Lúcio Flávio macht Platz für Róbson. Und tatsächlich scheint das Spiel an Geschwindigkeit zugenommen zu haben. Nach elf Minuten wagt Róbson den ersten Torschuss, etwas unsicher, dann der zweite, schon besser, und der dritte geht in der 65.?Minute in die Maschen. Goooooool! Apropos »Fantástico!«: Im aktuellen Kader von Santos hat Xico keinen persönlichen Favoriten. Idole hat er trotzdem. »Auch wenn Pelé der schnellste Dribbler war, den ich je gesehen habe, bin ich ein großer Fan von Zico. Er war für mich einer der besten Spieler aller Zeiten. Ich war immer schon Santista, aber wenn ich Zico in den 80er-Jahren bei Flamengo spielen sah, war mir teilweise jedes Team egal. Da blieb dir regelrecht der Atem weg.«

Während wir das fünfte Bier bestellen, schießt Róbson das zweite Tor. São Caetanos letzte Hoffnung ist ein Personalwechsel. Der Mittelfeldspieler Zé Eduardo verlässt das Feld und ein alter Freund von Xico Sá betritt die Bar: Sócrates, Kapitän der Seleção bei den Weltmeisterschaften 1982 und 1986. Mit ihm moderiert er jeden Donnerstag die Fußballsendung »Cartão Verde« im staatlichen Kultursender »TV Cultura«, und neben ihrer Vorliebe für Kuriositäten abseits der Fußballkonserve vereint sie die Liebe zum Bier danach. Das Spiel, mittlerweile unbeachtet, geht seinen erwarteten Gang. São Caetano, mental geschwächt, schafft es in den letzten 15 Minuten nicht mehr nachzulegen. Endstand: 2:0 für Santos. Ab unter die Duschen. Die Rechnung bitte. Wir gehen heim, der Trainer bleibt.