Vuvuzela

Der Soundtrack unseres Sommers: Trööööt!
»Die Vuvuzela nervt«, tuschelt die Mehrheit. »Die Vuvuzela ist zu akzeptierendes Kulturgut«, fachsimpelt die Minderheit. Eine Bestandsaufnahme zwischen White Stripes, Nelson Mandela und Shakira. Text: Alois Gstöttner und Karina Lackner für »Liga – Magazin für Menschenrechte« – Wien, Mai 2010

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© Pedro Espi-Sanchis: Vuvuzela Orchestra

Wien, der 29. Juni 2008: Spanien sichert sich durch ein herrliches Tor von Fernando Torres den Europameistertitel. Rund 50.000 im Stadionoval und Millionen weltweit flippen zum eingespielten Kassenschlager »Seven Nation Army« der amerikanischen Rockband White Stripes aus. Die Massen sind sich einig: Der Soundtrack passt.

Ein Jahr später, Johannesburg, der 28. Juni 2009: Brasilien gewinnt – ein Jahr vor der Weltmeisterschaft in Südafrika – den Confederations Cup mit einem 3:2 gegen die Vereinigten Staaten. Der lautstark dröhnende Sound der Vuvuzela begleitet das Schauspiel der Seleção. Und die europäischen Medien sind sich mit Spielern, Funktionären und Experten vor den Fernsehgeräten über eines einig: Hier passt der Soundtrack ganz und gar nicht. Die Vuvuzela nervt, sie nervt gewaltig!

Speaking with a big voice
In keiner der elf südafrikanischen Landessprachen hat das Wort »Vuvuzela« eine spezielle Bedeutung. Despektierlich wird es gerne mit »konstant Lärm machen« übersetzt. »Vulavula« bedeute »sprechen«, und »vuvuzela« vermutlich »laut sprechen«, gibt Pedro Espi-Sanchis Auskunft, aber auch er schränkt ein: »Maybe. Nobody really knows.« Der gebürtige Spanier lebt seit fast vier Jahrzehnten in Kapstadt und gilt als Spezialist für traditionelle afrikanische Musik. In seiner aufklärenden Mission ist er weltweit unterwegs. Im März 2010 leitete er an der Wiener Universität für Musik und Darstellende Kunst, in Kooperation mit dem Institut für Popularmusik, einen viertägigen Vuvuzela-Workshop für engagierte Anfänger und Fortgeschrittene.

Die den Sound der Vuvuzela begleitenden Lieder basieren meist auf traditionellen Protestgesängen, handeln vom Kampf gegen die Apartheid und ihren Helden Nelson Mandela und Oliver Tambo. Das Ubuntu-Prinzip, eine afrikanische Lebensphilosophie, die auf Menschlichkeit und Gemeinsinn baut, ist zugleich das Fundament, aber auch der Träger der Nachricht: Der Einzelne ohne die Gruppe ist wenig.

Die Stärke der Vuvuzela liegt in der Masse, organisiert in Mikro-Orchestren und im aktiven Dialog der Akteure. Das passt in die Philosophie der portugiesischen Trainer-Ikone José Mourinho, wenn er von: »Players don’t win trophies, teams win trophies« spricht. Das Ubuntu-Prinzip als taktische Vorgabe. Eine partizipatorische Methode, die typisch für den Zugang zur afrikanischen Musik ist. Auch der südafrikanische Unternehmer Mark Shuttleworth setzte auf diesen Namen bzw. dessen zugeschriebenen Charakteristiken, als er seine Linux-Distribution »Ubuntu« taufte.

Pedro »The Musicman« erklärt die Zusammenhänge: »Afrikanische Musik kann man sich ohne Tanz dazu nicht vorstellen. Und genau das tun die Leute: Tanzen. Aber nur in kleinen Gruppen.« Revolutionsparolen werden gesanglich neu interpretiert, mit rhythmischen Tanzbewegungen kombiniert und multiplizieren sich somit zu einem Adrenalin erzeugenden »Turbo Boost«.

Seit dem Ende der Apartheid wurde die Vuvuzela so, als obligatorische Begleiterin in die Fußballstadien der Regenbogennation, zum Symbol für Hoffnung und Freiheit.

Mediale Rezension
Frei nach dem alten südafrikanischen Sprichwort »Der Pavian wird von viel Lärm getötet«, hat das kollektive Orchester aber auch eine weitere Funktion. Die gegnerischen Reihen sollen mit 105 Dezibel geballter Energie in ängstliche Schockstarre versetzt werden, dessen Fans wiederum mit ähnlichem Lärmpegel in den akustischen Gegenangriff übergehen. Während diese Mikro-Orchesterdramen vor Ort akustisch differenzierter wahrnehmbar sind, überträgt das Fernsehgerät allerdings nur einen monotonen Soundteppich, was sich nicht nur zum Problem der TV-Konsumenten daheim in ihren Ohrensesseln entwickelt. Den Akteuren auf dem Feld ergeht es ähnlich. Xabi Alonso, spanischer Mittelfeldmann, klagt: »Die Vuvuzelas sind ein Ärgernis und tragen nichts zur Atmosphäre bei. Sie machen es uns Spielern schwer, auf dem Platz zu kommunizieren und uns zu konzentrieren.«

Mittlerweile hat sich die ganze Welt eine Meinung gebildet und verurteilt die in Südafrika produzierte Geräuschkulisse als zu laut, zu monoton und zu nervend. Der südafrikanische Journalist Sizwe Mdebe fühlt sich dadurch, wie viele seiner Landsleute, missverstanden: »Das ist Teil unserer Geschichte. Ich würde auch nicht nach Spanien reisen, um gegen Stierkämpfe zu protestieren. Die Wurzeln der Vuvuzela liegen Jahrhunderte zurück. Stämme leiteten mit dem Geräusch ihre Versammlungen ein. Dieses Ritual soll die FIFA über Nacht verbieten? Warum schalten die Fernsehsender nicht einfach ihre Außenmikrofone herunter?«

Selbst Joseph Blatter, der nicht immer sensible Präsident des Weltfußballverbandes, gibt von sich: »Wenn man nach Afrika geht, ist es eben laut. Ich habe immer gesagt: Fußball ist Trommeln, Rhythmus, Tanzen. Das ist Afrika, wir müssen dies so annehmen.«

Der Weg der Tröte
In südafrikanischen Dorfgemeinschaften begleiten seit jeher Blasinstrumente wichtige gesellschaftliche Ereignisse und versammeln die Gemeinde zu festlichen Bräuchen. Pedro bläst in seinem Workshop auf einem getrockneten Stück Seegras, das er am Strand von Kapstadt gefunden hat, beflügelte Melodien in mehreren Oktaven. »In africa music comes out of everything«, erklärt er – aus dem Halm eines Paupau-Baumes, aus getrocknetem Flußschilf, einem Stück Bambus oder einem übrig gebliebenen Kabelschlauch. Inspiriert von der traditionellen Kuduzela, dem Horn der Kudu-Antilope, wurde die Vuvuzela massenkompatibel auf die Form einer typischen Lastwagen-Hupe aus Kunststoff reduziert. Geübten Lippenakrobaten gelingt, wenn die hineingeblasene Luft wieder austritt, eine brummige B-Note. Anfänger werden bei ersten unglücklichen Versuchen jedoch bloß mit Gelächter belohnt. Danke.

Apropos singen, tanzen und Massenkompatibilität: Die kolumbianische Sängerin Shakira steuert mit »Waka Waka (This Time for Africa)« den offiziellen Song der Weltmeisterschaft bei. Wir stimmen gerne mit einem lautstarken »Trööööt« mit ein.